9punkt - Die Debattenrundschau
Knieschoner an alle
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.02.2026. Die taz erklärt, was "Deathonomics" ist: das Putinsche Wirtschaftssystem, das die Konjunktur mit toten Rekruten heizt. taz und FAZ wundern sich nicht wenig über die Norweger, die sich doch recht intensiv von Jeffrey Epstein bezirzen ließen. Den Ostdeutschen ginge es heute besser, wenn die Jewish Claims Conference keine Entschädigungsforderungen gestellt hätte, meint der Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich laut Jüdischer Zeitung. In der SZ rät Literaturwissenschaftler Steffen Martus mit Blick auf Trump Feuer mit Feuer zu bekämpfen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
10.02.2026
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Europa
Mathias Brüggmann erklärt in der taz, was "Deathonomics" ist - ein Name für die von Putin betriebene, im wahrsten Sinne des Wortes selbstmörderische Rekrutierungspolitik für den Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Wladislaw Insosemzew vom "Institut français des relations internationales" (IFRI) hat hierzu eine Studie (download) vorgelegt. Die "Deathonomics" haben zunächst einen künstlichen Boom erzeugt: "Die enormen Anwerbeprämien (bis zu 4 Millionen Rubel, umgerechnet 52.000 Euro), ein Jahressold von 5,2 Millionen Rubel, Schuldenerlasse und andere Vergünstigungen sowie eine im Volksmund 'Sargprämie' genannte Zahlung an Hinterbliebene eines Gefallenen von 5 Millionen Rubel: Durchschnittlich belaufen sich die Kosten pro Söldner auf über 200.000 Euro. Das sind gut 13 durchschnittliche Jahreslöhne (99.400 Rubel), steuerfrei. Inosemzew kommt sogar in einigen Fällen auf das 24-Fache, worauf normale Werktätige allerdings noch Steuern bezahlen müssten." Diese Soldaten werden in den "Fleischwolf" gesteckt - mit Verlusten von 40.000 Toten oder Kampfunfähigen im Monat. Die Deathonomics treiben zudem die Inflation, so dass die "die Russische Zentralbank den Leitzins auf bis zu 21 und zuletzt 16 Prozent festgesetzt" hat.
In Russland gibt es noch so etwas wie Philosophie, die aber alles in allem komplett stramm steht. Und auch über Alexander Dugin, den berühmtesten russischen Reaktionär, hat FAZ-Autorin Kerstin Holm Neues zu vermelden. "Dugin, ein belesener Autodidakt, der sich für antimodern-okkulte Denker wie René Guénon und Julius Evola, aber auch Heidegger begeistert, hat soeben ein fast 900 Seiten starkes Lehrbuch für das von ihm erfundene Fach 'Westkunde' (Westernologija) herausgebracht, worin er die westliche Aufklärung und Renaissance, die zu Liberalismus, Genderpolitik und Transhumanismus führten, zum absoluten Bösen erklärt."
Ausgerechnet das so vorbildliche und stolze Norwegen, das sein Geld zwar mit Öl verdient, aber selbst ausschließlich mit Elektroautos unterwegs ist, ist tief in den neuen Epstein-Skandal verstrickt. Das betrifft nicht nur die Königsfamilie, sondern auch den in Norwegen weltberühmten Diplomaten Terje Rød-Larsen, der das Osloer Abkommen mit ausgehandelt hatte, berichtet Anne Diekhoff in der taz: "Rød-Larsen hatte sich 2020 aus seinem New Yorker Thinktank International Peace Institute (IPI) zurückgezogen, nachdem seine Verbindung zu Epstein und dessen finanzielle Unterstützung für IPI bekannt wurden. Wie weit er und seine Familie mit Epstein verbunden waren, wurde jetzt erst klar. Rød-Larsens Ehefrau ist die norwegische Topdiplomatin Mona Juul. Die beiden Kinder des Paares standen laut norwegischen Medien in Epsteins Testament, das er zwei Tage vor seinem Tod unterschrieben hatte, sie sollten jeweils fünf Millionen Dollar erben." Epstein hat Rød-Larsen und seiner Frau auch ermöglicht, eine große Wohnung in Oslo zu kaufen, indem er den Vorbesitzer unter Druck setzte, ergänzt Julian Staib in der FAZ.
In Russland gibt es noch so etwas wie Philosophie, die aber alles in allem komplett stramm steht. Und auch über Alexander Dugin, den berühmtesten russischen Reaktionär, hat FAZ-Autorin Kerstin Holm Neues zu vermelden. "Dugin, ein belesener Autodidakt, der sich für antimodern-okkulte Denker wie René Guénon und Julius Evola, aber auch Heidegger begeistert, hat soeben ein fast 900 Seiten starkes Lehrbuch für das von ihm erfundene Fach 'Westkunde' (Westernologija) herausgebracht, worin er die westliche Aufklärung und Renaissance, die zu Liberalismus, Genderpolitik und Transhumanismus führten, zum absoluten Bösen erklärt."
Ausgerechnet das so vorbildliche und stolze Norwegen, das sein Geld zwar mit Öl verdient, aber selbst ausschließlich mit Elektroautos unterwegs ist, ist tief in den neuen Epstein-Skandal verstrickt. Das betrifft nicht nur die Königsfamilie, sondern auch den in Norwegen weltberühmten Diplomaten Terje Rød-Larsen, der das Osloer Abkommen mit ausgehandelt hatte, berichtet Anne Diekhoff in der taz: "Rød-Larsen hatte sich 2020 aus seinem New Yorker Thinktank International Peace Institute (IPI) zurückgezogen, nachdem seine Verbindung zu Epstein und dessen finanzielle Unterstützung für IPI bekannt wurden. Wie weit er und seine Familie mit Epstein verbunden waren, wurde jetzt erst klar. Rød-Larsens Ehefrau ist die norwegische Topdiplomatin Mona Juul. Die beiden Kinder des Paares standen laut norwegischen Medien in Epsteins Testament, das er zwei Tage vor seinem Tod unterschrieben hatte, sie sollten jeweils fünf Millionen Dollar erben." Epstein hat Rød-Larsen und seiner Frau auch ermöglicht, eine große Wohnung in Oslo zu kaufen, indem er den Vorbesitzer unter Druck setzte, ergänzt Julian Staib in der FAZ.
Gesellschaft
In Österreich tritt demnächst ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren an Schulen in Geltung. Lisa Nimmervoll begrüßt es im Wiener Standard: Der Schritt sei "kein Angriff auf Religion oder Religionsfreiheit, sondern ein Schutzraum für Kinder. Es begrenzt die Einflusssphäre des Religiösen dort, wo junge Menschen besonders formbar und verletzlich sind. Es zieht eine wichtige Grenze: In der Schule gilt keine frühe Festlegung auf eine religiöse Geschlechterordnung, die nur den Mädchenkörper als Träger des "wahren Glaubens" markiert."
In Berlin trat erstmals Hatun Sürücüs Sohn Can öffentlich auf - in einer Veranstaltung, die an seine Mutter erinnerte, das Opfer eines berühmten Berliner Ehrenmordfalls vor 21 Jahren. Die Veranstaltung war von der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balci organisiert, berichtet Ninve Ermagan in der FAZ. Und man erfährt etwas über die Geschichte eines Sohns, der seine Mutter im Alter von sechs Jahren verlor: "Can Sürücü verschwand aus der Öffentlichkeit und erhielt eine neue Identität, einen neuen Namen, wuchs fern von Berlin bei Adoptiveltern in Reutlingen auf. Aus Sicherheitsgründen blieb sein Aufenthaltsort lange geheim, auch um ihn vor Zugriffen aus der eigenen Herkunftsfamilie zu schützen. Erst mit 14 Jahren wurde ihm erklärt, was mit seiner Mutter geschehen war."
Wir müssen einfach nur weniger essen, konsumieren, reisen, schon ist das Problem mit dem Klimawandel gelöst, schreibt der Politikwissenschaftler Udo Kords in der taz in einer Art Adresse an die Weltbevölkerung. "Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen. Kreislaufwirtschaft, CO2-Speicherung, KI: All das kann sinnvoll sein und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel. Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher."
Ralf Balke hat in Berlin ein Gespräch zwischen Freitag-Verleger Jakob Augstein und Verleger Holger Friedrich, Berliner Zeitung und Weltbühne, verfolgt. Da legte Friedrich ein recht eigenwilliges Geschichtsverständnis an den Tag, schreibt Ralf Balke in der Jüdischen Allgemeinen. Er wünsche sich sowieso nichts sehnlicher herbei als einen "Frieden zwischen Ost- und Westdeutschland". Aber der Osten hatte es so schwer. Erst die Reparationsleistungen an die (an sich von Friedrich geschätzten) Russen, und "die Jewish Claims Conference hatte dann auch noch ein paar offene Rechnungen, die durchgemanagt wurden", so Friedrich. Balke fasst es so zusammen: "Die Tatsache, dass er Reparationszahlungen und die Privatisierung der ehemaligen DDR-Wirtschaft in einem Atemzug mit den Entschädigungsansprüchen ihres Eigentums durch die Nazis beraubter Juden nennt, zeugt von einer Wahrnehmung der Ostdeutschen als Opfer, in der historische Kontexte gezielt ausgeblendet oder umgedeutet werden - und zwar in einer Art und Weise, wie man es vor allem bei Rechts- und manchmal auch Linksaußen beobachten kann."
In Berlin trat erstmals Hatun Sürücüs Sohn Can öffentlich auf - in einer Veranstaltung, die an seine Mutter erinnerte, das Opfer eines berühmten Berliner Ehrenmordfalls vor 21 Jahren. Die Veranstaltung war von der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balci organisiert, berichtet Ninve Ermagan in der FAZ. Und man erfährt etwas über die Geschichte eines Sohns, der seine Mutter im Alter von sechs Jahren verlor: "Can Sürücü verschwand aus der Öffentlichkeit und erhielt eine neue Identität, einen neuen Namen, wuchs fern von Berlin bei Adoptiveltern in Reutlingen auf. Aus Sicherheitsgründen blieb sein Aufenthaltsort lange geheim, auch um ihn vor Zugriffen aus der eigenen Herkunftsfamilie zu schützen. Erst mit 14 Jahren wurde ihm erklärt, was mit seiner Mutter geschehen war."
Wir müssen einfach nur weniger essen, konsumieren, reisen, schon ist das Problem mit dem Klimawandel gelöst, schreibt der Politikwissenschaftler Udo Kords in der taz in einer Art Adresse an die Weltbevölkerung. "Stattdessen setzen wir auf Technik als Erlösungsversprechen. Kreislaufwirtschaft, CO2-Speicherung, KI: All das kann sinnvoll sein und ist teilweise unverzichtbar. Doch es dient oft als Beruhigungsmittel. Es nährt die Hoffnung, wir könnten so weiterleben wie bisher."
Ralf Balke hat in Berlin ein Gespräch zwischen Freitag-Verleger Jakob Augstein und Verleger Holger Friedrich, Berliner Zeitung und Weltbühne, verfolgt. Da legte Friedrich ein recht eigenwilliges Geschichtsverständnis an den Tag, schreibt Ralf Balke in der Jüdischen Allgemeinen. Er wünsche sich sowieso nichts sehnlicher herbei als einen "Frieden zwischen Ost- und Westdeutschland". Aber der Osten hatte es so schwer. Erst die Reparationsleistungen an die (an sich von Friedrich geschätzten) Russen, und "die Jewish Claims Conference hatte dann auch noch ein paar offene Rechnungen, die durchgemanagt wurden", so Friedrich. Balke fasst es so zusammen: "Die Tatsache, dass er Reparationszahlungen und die Privatisierung der ehemaligen DDR-Wirtschaft in einem Atemzug mit den Entschädigungsansprüchen ihres Eigentums durch die Nazis beraubter Juden nennt, zeugt von einer Wahrnehmung der Ostdeutschen als Opfer, in der historische Kontexte gezielt ausgeblendet oder umgedeutet werden - und zwar in einer Art und Weise, wie man es vor allem bei Rechts- und manchmal auch Linksaußen beobachten kann."
Politik

Ideen
Der Aufstieg von Donald Trump und Co. ist durch eine ästhetische Betrachtungsweise der Politik zu verstehen, schreibt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus in der SZ. Statt sich als "liberal-demokratische Intelligenz" "vernünftige" Gründe zu suchen, sollte man diese neue Ästhetik verstehen und im besten Fall eigene Wege finden, um diese Wählergruppen anzusprechen. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ist für Martus ein gutes Beispiel: "Ihm genügt nicht der Appell an die politische Vernunft, etwa der Hinweis auf die glänzende ökonomische Situation seines Bundesstaats. Er reklamiert mit empörtem Pathos das wahre Amerika für sich, er bekämpft 'fire with fire': Beim Wirtschaftstreffen in Davos hat Newsom ostentativ Knieschoner an alle überreicht, die vor Trump einknicken. Und er macht auf politische Formen aufmerksam, indem er etwa überdrehte Kurznachrichten à la Trump verschickt."
Außerdem: In der FAZ erklärt Philipp Lepenies, Ökonom und Professor für Politik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der Freien Universität Berlin, warum er am Begriff des Fortschritts festhält.
Außerdem: In der FAZ erklärt Philipp Lepenies, Ökonom und Professor für Politik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der Freien Universität Berlin, warum er am Begriff des Fortschritts festhält.
Digitalisierung
Müssen wir uns alle vor der AGI, der Allgemeinen Künstlichen Intelligenz, fürchten? Nein, erklärt der Journalist Gregor Schmalzried, der sich intensiv mit KI auseinandersetzt, im FR-Interview mit Lisa Berins. "Ich habe wenig Angst vor einer sich selbstständig machenden Super-KI, die uns alle umbringt. Deutlich realistischer ist ein Szenario, in dem ein autoritärer Staat mithilfe von KI-Tools ein besonders mächtiges und schwer aufdeckbares Netzwerk an Schadsoftware losschickt. Oder KI nutzt, um Drohnen automatisiert zu steuern. Das wird uns in den nächsten Jahren massiv Kopfschmerzen bereiten, weil die KI frei verfügbar ist und nicht mehr in Tiefen des Internets zurückdrückbar ist."
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